Es ist morgens kurz nach 8:00 Uhr, als Sarah und ich in der Kita ankommen. Die Leitung steht in der offenen Tür. Seit anderthalb Jahren arbeiten wir nun zusammen. In dieser Zeit haben wir viel geteilt: Höhen und Tiefen, Tränen und Lachen, Stolz auf Erfolge und Frust über Rückschritte. Und immer wieder dieses gemeinsame Neu-Ausrichten, Kraft schöpfen, Chancen sehen.

Wenn wir über mehrere Jahre mit Teams arbeiten, fühlt es sich bald so an, als wären wir ein Teil von ihnen. Es entsteht Vertrauen und damit die Möglichkeit, wirklich ehrlich hinzuschauen, auch auf Situationen, auf die niemand stolz ist. Auf Überforderung, auf Grenzen, auf Momente, die weh tun. Denn erst wenn wir uns gemeinsam trauen, hinzuschauen, kann Unangenehmes zum Motor für Veränderung werden. Erst verändert sich die Haltung – und dann, Schritt für Schritt, der Alltag. Jedes Team in seiner eigenen Zeit, abhängig von Menschen, Rahmenbedingungen und Führung.

Kinderrechte Begrüßungsplakat

Das Kitateam und wir

Der Raum ist vorbereitet. Ein Stuhlkreis steht bereit. Materialien für Selbstreflexion, Gruppen- und Plenumsarbeit liegen aus. Bücher zum Reinlesen, eine wertschätzende Atmosphäre, eine Umgebung, die Zusammenarbeit möglich macht. Nach und nach kommen die Fachkräfte an. Wir kennen uns. Die Begrüßungen sind herzlich.

Kinderrechtsbücher aus unserem Seminar

Unser heutiges Thema: Kinderrechte

Kurz vor 9:00 Uhr sitzen alle im Kreis. Heute und morgen beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Kinderrechte. Es wird um Würde gehen, um Kinderrechte im Alltag, um schützende und unterdrückende Macht und um eine gemeinsame Verhaltensampel.

Am Ende des ersten Tages landen wir bei dem Dilemma, das den zweiten Tag prägen wird: Was mache ich, wenn ein Kind die Windel voll hat und sich nicht wickeln lassen will? Diese Frage steht stellvertretend für viele Alltagssituationen. Was muss ich? Was darf ich nicht? Was will ich? Und was ist beziehungsförderlich und kinderrechtsorientiert?

Tag 2 – Kinderrechte im Alltag der Kita

Der zweite Tag vertieft genau dieses Spannungsfeld zwischen schützender und unterdrückender Macht. Es wird deutlich: Es gibt nicht die richtige Lösung. Und genau das ist die Entlastung. Entscheidend ist, dass ein Team weiß, welches Handeln wünschenswert ist, was als grenzverletzend gilt und wo klare Grenzübertritte liegen – ein besonderes Augenmerk liegt auf den Situationen, in denen zum Schutz der Kinder, ihre Rechte verletzt werden und wie man damit umgehen kann.

Für den Übertrag in den Alltag nehmen wir uns drei große Themenbereiche aus dem Kita-Alltag näher vor: Schlafen und Ruhen, Essen und Rausgehen. Durch eine intensive Diskussion und Auseinandersetzung entsteht eine Verhaltensampel, in der es nun feste Vereinbarungen gibt zu den bearbeiteten Themen und die damit einen bewussten, gemeinsamen Rahmen für die Arbeit mit den Kindern liefert.

Der Abschluss des KiVi Seminars

Am Ende der beiden Tage stellen wir die Frage: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie hilfreich war die Auseinandersetzung mit den Kinderrechten?

Viele antworten „10, das ist so wichtig, dass wir uns gemeinsam damit auseinandersetzen und eine gemeinsame Haltung entwickeln.“

Elisabeth erörtert Kinderrechte in Kitas

Obwohl Kinderrechte fachlich anerkannt sind, zeigt sich in vielen Einrichtungen ein Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität. Zeitdruck, Personalmangel, Routinen, Sicherheitsbedenken oder tradierte pädagogische Muster erschweren eine konsequente Umsetzung. Häufig geschieht grenzüberschreitendes Handeln nicht aus Absicht, sondern aus Überforderung oder fehlender Reflexion. Genau hier setzt auch unser Seminar zum Thema Kinderrechte an.